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Unsere Zeit ist Jetzt – Gegenwärtigkeit erfahren (3/4)

Leiden und andere Laster

Wir leiden an mehr oder weniger latenter Unzufriedenheit, da wir uns vom zukünftigen Moment immer ein wenig mehr Erfüllung versprechen, als wir davon im gegenwärtigen zu finden meinen. So jagen wir Visionen einer vermeintlich besseren Zukunft hinterher, die schwarze Löcher in der Gegenwart hinterlassen. Wir verlieren den Bezug zum Hier und Jetzt – dem Augenblick, in dem das Leben ausschließlich geschieht.

Gelingt es uns, unsere Vorstellungen davon, wie etwas zu sein hat, sein zu lassen, verringern wir die Lücke zwischen IST und SOLL. Aus dieser Diskrepanz entsteht Leiden. Ohne die Idee, wie etwas zu sein hat, ist es ganz einfach, das was es ist. Können wir das akzeptieren und unsere Widerstände aufgeben, gibt es nichts zu erreichen.

Das was bereits ist, lässt sich nicht mehr verhindern, so dass es uns mit blindem Aktionismus ohnehin nicht gelingt die gewünschte Veränderung herbeizuführen. Statt uns am Außen vergeblich abzuarbeiten, können wir uns dem Innen zuwenden. Je weniger wir wollen, desto mehr haben wir bereits. Etwas loslassen bedeutet nicht etwas loswerden zu wollen, sondern es so sein zu lassen, wie es ohnehin bereits ist. Jeder Widerstand dagegen ist ver-rückt. Es wäre jedoch ein Trugschluss daraus zu schlussfolgern, dass wir deswegen alles akzeptieren müssen. Wir können uns sehr wohl dafür entscheiden aktiv zu werden, wenn es uns ein Anliegen ist eine Situation zu verändern.

Die Gegenwart verpassen wir oft, indem wir uns von der Phantasie gefangen nehmen lassen, wir hätten jetzt gerade keine Zeit für sie – bzw. dazu bestimmte Dinge zu erledigen. Die Auseinandersetzung mit diesen vertagen wir in eine ungewisse Zukunft, mit der Intention Zeit zu gewinnen, die wir tatsächlich allerdings dabei verlieren, denn die einzige Zeit, die uns zur Verfügung steht ist die im Jetzt.

Uns allen steht interessanterweise genau die gleiche Zeit zur Verfügung, die wir jedoch sehr unterschiedlich nutzen. Das gilt im Übrigen ohne Einschränkungen auch unabhängig von Lebensalter oder Lebenserwartung. Wie alt auch immer wir sind oder werden, sind wir doch alle immer lediglich im gegenwärtigen Augenblick. Alles andere ist gedankliche Erinnerung daran oder Vorstellung darüber was nicht mehr oder noch nicht ist – in keinem Fall handelt es sich dabei um verfügbare Zeit. Verschwenden wir unsere Gegenwart durch re- oder prospektive gedankliche Zeitreisen, entschwinden wir ihr.

Wir denken, dass wir aufhören zu existieren, wenn wir unsere Gedanken darüber, wer wir zu sein meinen, aufgeben – nach dem Motto: ich denke also bin ich. Doch in Wirklichkeit sind wir erst genau dann, wenn wir das Denken aufgeben und uns Sein lassen. Unser neues Motto könnte daher lauten: sobald ich denke, bin ich nicht mehr. In dem Moment, in dem ich aufhöre zu denken, beginne ich zu sein.

Das Begreifen dieser Dualität der gedanklichen Vorstellung unseres erdachten vergangenen sowie zukünftigen Lebens und unserem tieferen gegenwärtigen gedankenlosen Sein ist der erste Schritt zum Erwachen – zum Erkennen der Wesenhaftigkeit unseres Seins. Diese Wesenhaftigkeit ist nicht kognitiv erfahrbar. Jeder Gedanke über das, was du zu sein meinst ist Fiktion. Weder bist du Deutscher noch Fußballspieler noch Jurist. All das bist du nicht. Es sind Kostüme, mit denen du dich einkleidest und an die du glaubst bzw. die du gedanklich konstruierst und dir übersteifst. Frag dich, wer du bist. Eine gedankliche Antwort darauf gibt es nicht – eine Antwort aber sehr wohl.